Freiheit, die wir meinen

Rezension

Joachim Gauck: Freiheit - Ein Plädoyer Buchcover: Joachim Gauck: Freiheit

Joachim Gauck stimmt eine Hymne auf die Freiheit an. Leider singt er dabei etwas schief. Offenkundig befindet er sich noch im Stimmbruch.

Von Moritz Rudolph

„Keck erhub sich des Gesetzes Ruthe Nachzubilden, was die Liebe schuf, Ach! Gegeißelt von dem Übermuthe Fühlte keiner göttlichen Beruf“ (Friedrich Hölderlin, Hymne auf die Freiheit)

Wie einst dem jungen Hölderlin, so fällt auch dem späten Gauck allerhand Hymnisches zur Freiheit ein. Taumelnd schwärmt er für sie, seufzt und möchte „Ach!“ ausrufen in Anbetracht der Größe und Schönheit seines Sujets. Und wie Hölderin entzieht sich auch Gauck der klaren theoretischen Einordnung. Während der Dichterfürst epochengeschichtlich irgendwo zwischen Klassik und Romantik weilt, bewegt sich der Freiheitsfürst zwischen (ökonomischer Neo-) Klassik und politischer Romantik. Wo er nur kann, singt der Bundespräsident derzeit das Hohelied aufs Freisein. Mit seiner immer gleichen Botschaft im Gepäck tourt er seit einigen Wochen durch die Bundesrepublik und auch in Polen oder den Niederlanden kennt man den Freiheitsapostel mittlerweile recht gut. Im Februar – also einige Wochen vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten – veröffentlichte Gauck seinen kleinen Katechismus und nannte ihn „Freiheit – ein Plädoyer“. Nun ist er seit etwa zwei Monaten im Amt und geht mit seinem Programm europaweit hausieren. Höchste Zeit also, ein wenig Gauck zu lesen. Worum geht es? Auf gut 60 Seiten umreißt Gauck sein Lebensthema und fasst es im Dreiklang Freiheit, Verantwortung und Toleranz zusammen. Er beginnt mit der Unterscheidung zwischen jugendlich-anarchischer und politischer Freiheit, um dann hinzuzufügen, dass „die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt“, ohne die es ebensowenig gehe wie ohne Toleranz. Das Ganze garniert er hie und da mit einer Anekdote aus DDR- und Wendezeit, beklagt deutsche Obrigkeitshörigkeit, bringt das obligatorische „Die Gedanken sind frei“ und kritisiert falsch verstandene Toleranz gegenüber Intoleranten. Alles gut also? Schauen wir genauer hin.

Was ist schon frei?

Um es vorwegzunehmen: Joachim Gauck hat ein pubertäres Buch geschrieben. Der Gedanke ans Freisein lässt ihn in rauschhafte Verzückung geraten – einen Zustand, der derart gewaltig daherkommt, dass er den Freiheitsfürsten die Frage nach der Realisierung von Freiheit geflissentlich verdrängen lässt. Dröseln wir den Freiheitsbegriff zunächst ein wenig auf, um eine klassische Grundunterscheidung von höchster politischer Relevanz zu treffen und den Gauckianismus der Unterkomplexität zu überführen: Gauck selbst nimmt sie in seinem Büchlein vor, wenn er vom „Unvermögen aktiv zu werden“ spricht: „Wenn aus der Sehnsucht nach Freiheit die Gestaltung von Freiheit wird, wenn wir Freiheit von etwas schon erleben durften, aber Freiheit zu etwas noch nicht können“. Es ist dies die klassische Trennung von formaler oder abstrakter Freiheit auf der einen und konkreter oder materialer Freiheit auf der anderen Seite. Wer etwas de jure darf, ist nicht automatisch in der Lage, dies de facto auch umzusetzen. Dafür braucht es häufig ein bisschen mehr. Gauck hat das passende Rezept: „Ich habe entdeckt, dass es einen unglaublich kraftvollen Indikator für dieses Ja zu einem Leben in Verantwortung gibt. Keinen, den es umständlich mit einer Theorie zu beweisen gelte, vielmehr einen, den wir alle schnell und deutlich in uns spüren.“ Der liberale Intellektuelle entpuppt sich hier als wahrhafter Romantiker. Nicht aus theoretischen Erwägungen leitet er die Möglichkeit der Freiheit zu ab; stattdessen setzt er auf das unbändige Gefühl und schiebt die Verantwortung zur Übernahme von Verantwortung allein aufs fühlende Individuum. Gauck glaubt offenbar – und da ist er ganz beim jungen Hölderlin – an die unbändige Kraft zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, während es des „Gesetzes Ruthe“ nicht so sehr bedürfe. Sie zerstöre nur, unterdrücke natürliche Freiheitsimpulse. Keine Rede ist hingegen von den sozioökonomischen Bedingungen der Freiheit – davon etwa, dass es ein Mindestmaß an Gleichheit der Bildung, der Einkommen, der Chancen braucht, um gleiche Freiheit für Alle zu ermöglichen. Ohne diese Feststellung – und hier sind wir am Kern der Kritik des Gauckianismus angelangt – verkommt Freiheit zur Freiheit der Wenigen.

Reclaim Freedom!

Doch der Begriff der Freiheit ist zu groß, zu wichtig, um ihn der politischen Rechten zu überlassen, wo er zum Herrschaftsinstrument degeneriert. Er hat immer auch zum Repertoire der Linken gehört. Zusammen mit den bürgerlichen Kräften wusste sie, dass Schillers „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“ nicht ausreicht. Darüber hinaus ahnte sie jedoch auch, dass formale politische Freiheiten eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung der Emanzipation ist. Ohne soziale Grundrechte verkommen, wie dies Hermann Heller treffend bezeichnete, „libertäre Demokratien“ zu „defekten Demokratien“. Ist daher nicht der Sozialstaat eine unabdingbare Freiheitsmaschine? Ist nicht die Umverteilung von oben nach unten ein gewaltiger Strom der Freiheit für Millionen? Sind nicht öffentliche Investitionen ein Hort der Freiheit, den es gegen die Knute der Schuldenbremse zu verteidigen gilt? Die politische Linke verstand das vielbemühte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution nicht als hierarchische Präferenzordnung, sondern als Dreieinigkeit jeweils unabdingbarer und aufeinander bezogener Prinzipien. Eine qualitative Unterscheidung gibt es dennoch: Während Freiheit und Gleichheit in einem sich wechselseitig konstituierenden Verhältnis zueinander stehen, ist Brüderlichkeit – besser: Solidarität – das Instrument zu deren Durchsetzung. Die kollektive Aktionsform selbst ist keine normative Kategorie. Wer dies dennoch behauptet, wandelt auf gefährlich-vormodernen dumpf-kollektivistischen Bahnen. Gauck zum Beispiel: „Denn wir alle haben ein natürliches Empfinden für eine Aufgabe oder kennen die Hingabe. Schon bevor wir politisch werden, lernen wir, dass es möglich ist, die Bezogenheit auf das eigene Selbst hintanzustellen“. Der Liberale wird hier zum Konservativen mit offener Flanke zur Reaktion, der die individualistischen Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters infrage stellt. Umso erstaunlicher, dass er, der Kollektivist, genau dies dem Marxismus vorwirft: „Es gibt zwar Gegenentwürfe, in Europa etwa erwachsen aus dem Marxismus, der die Einzelnen im Kollektiv verschwinden lässt“.

Der (konkreten) Freiheit eine Gasse!

Fairerweise muss gesagt werden, dass es keineswegs Gauck ist, der der Gesellschaft seine Vorstellungen von Freiheit aufdrückt. Der Gauckianismus ist kein ausgefeiltes Theoriekonzept, hört er doch aufs „Gefühl“, er „spürt“ und folgt seinen „Sehnsüchten“. Wer so spricht, gibt sich dem Alltagsbewusstsein hin, in das andere etwas hineingebrannt haben. Hier kristallisieren sich hegemoniale Vorstellungen von Freiheit, zu deren Ausdruck Gaucks Dreieinigkeit gehört. Indes hat Gaucks Insistieren auf die Freiheit aus emanzipatorischer Perspektive auch etwas Gutes. Der Liberalismus selbst schmiedet die schärfste Waffe der politischen Linken, indem er vom Individuum und dessen Autonomie spricht, das Versprechen jedoch offenkundig nicht einlösen kann. Das Verharren auf einer formalen Stufe der Freiheit legt Widersprüche frei und weckt Begehrlichkeiten nach tatsächlicher Emanzipation, um deren materielle Grundlage sich die politische Linke bemüht; denn sie hat verstanden: Ohne das Fleisch der Gerechtigkeit bleibt die Freiheit ein Skelett. Dann schlägt die Stunde der Emanzipation. Die Sozialdemokratie weiß um die Bedeutung des Liberalismus für den Fortschritt. Deshalb hat sie die bürgerlichen Freiheitsrechte seit 150 Jahren – zeitweise als einzige politische Kraft in Deutschland – mit Zähnen und Klauen verteidigt. Freiheit ist der vielangerufene Begriff unserer Zeit. Wer berief sich nicht alles auf die Freiheit, was ist nicht auch alles für Schindluder in ihrem Namen getrieben worden. Und dennoch: Freiheit zieht; wer den Begriff in seinem Sinne besetzen kann, gewinnt. Holen wir uns also den Freiheitsbegriff, greifen wir zu, besetzen wir ihn von links. Helfen wir Gaucks Hölderlinismus aus der Spätpubertät, setzen wir ihm etwas Ernsthaftes entgegen. Und schlagen wir der Freiheit, die wir meinen, eine Gasse.

Joachim Gauck (2012): Freiheit - Ein Plädoyer. München: Kösel, 6. Auflage. Weitere Infos beim Verlag.  

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